HOT JAZZ, GYPSY JAZZ, ZIGEUNERSWING?

DJANGO REINHARDT

Stilkone und unbestrittener König des Gypsy Swing ist der aus Belgien stammende Sinto Django Reinhardt. Obwohl dieser Begriff zu seinen Lebzeiten nicht existiert, prägt sein Genie diesen Stil bis heute in allen Facetten des Musizierens: Seine Idee, ein Quintett allein mit Saiten-Instrumenten (Solo-Gitarre, Geige, 2 Rhythmus-Gitarren, Kontrabass; siehe Video des Quintette of the Hot Club de France) zu besetzen ist stilprägend, seine Improvisationen brillant, sein spieltechnischen Ideen erlauben ihm interessante Interpretationen auch gitarren-untypischer Themen (die bis dato Blasinstrumenten vorbehalten waren). Auch seine Kompositionen sind von schlichter Raffinesse, einprägsam und auf den Punkt arrangiert. In den 1930ern ist Django (aus heutiger Sicht) sehr traditionell unterwegs, ab dann immer auf der Suche nach neuen Klangfarben und Stilistiken bis hin zur (leider unvollendeten) Sinfonie und Orgelmesse. Am frühen Django Sound orientieren sich heute insbesondere immer noch Stochelo Rosenberg, Fapy Lafertin und, seit kurzem, Duved Dunayevski.

 

MUSIK DEUTSCHER ZIGEUNER

In Deutschland und den angrenzenden Gebieten (insbesondere dem Elsaß) fristet der Gypsy Swing lange Zeit ein Schattendasein. Erst in den 1970er und 80er Jahren werden Schnuckenack Reinhardt, Hän’sche und Traubeli Weiss sowie Titi Winterstein zu Pionieren des Genres und stehen für einen wunderbar melodiösen Gypsy Swing, oft mit gesungenen Texten oder Liedtiteln in der Sprache der Sinti, Romanes. Zu den wichtigsten Stücken zählen „Hunn, O Pani Naschella“, Swing 85, der Lulu Swing von Lulu Reinhardt schafft es zum anerkannten Standard. Heute gilt der Belgier Tscha Limberger als einer der wichtigsten Konservatoren dieses Liedguts, Gismo Grafs Vater Joschi singt als einer von wenigen aktuellen dt. Künstlern traditionelle Sinti-Lieder, diese werden sonst eher im kleinen Kreis tradiert. Eine der wichtigsten aktuelleren Platten ist „Ou Welto Risella“ von Fapy Lafertin und Bamboula Ferret.

GYPSY JAZZ

 Die Renaissance des Gypsy Swing beginnt zunächst mit Jimmy und Stochelo Rosenberg in den 90er Jahren, die sehr traditionell aber mit irrsinniger Virtuosität spielen. Ein regelrechter Boom setzt jedoch erst ein mit Bireli Lagrenes „Gypsy Project“. Sein Spiel integriert Gypsy, Bebop, Blues- und Fusion-Einflüsse und öffnet das Genre für viele junge Spieler insbesondere aus Frankreich (z.B. Adrien Moignard, Rocky Gresset uvm). Auch die ältere Garde erlebt neuen Aufschwung, Tchavolo Schmitt, Angelo Debarre, Dorado Schmitt werden zu Kultfiguren des Genres (vgl. den Film „Les Fils du Vent“). Ausser Bireli Lagrene bleibt es in Deutschland jedoch eher bei der Bekanntheit lokaler Spieler (Joscho Stephan, Diknu Schneeberger, Gismo Graf, Wawau Adler), die aber z.T sehr erfolgreich sind.

AVANTGARDE

Künstler und Bands wie Les Doigts de l’homme, Django Lassi, Gonzalo Bergara, das RP Quartett oder auch Antoine Boyer kombinieren Elemente des Gypsy Swing mit anderen Einflüssen aus Tango, Bebop, Klassik, Rock und Groove-Musik und schaffen so ganz neue Stilrichtungen mit meist komplexen Arrangements und vielen Eigenkompositionen. Auf der anderen Seite gibt es die Pariser Gitarristen-Szene, die mit Adrien Moignard, Rocky Gresset, Sebastien Giniaux uvm. eine derzeit konkurrenzlose Gitarristenklasse hervorgebracht hat, die sich auf den Solisten und das Repertoire Django Reinhardts immer noch beruft, aber dieses immer freier zu interpretieren im Stande ist.